Kranke Egoisten

Ehrenamtliche Arbeit ist nichts gemeinnütziges, sondern in höchstem Maße von Egoismus geprägt. Und der Egoismus von/für Ehrenamtlern wird ja bei deren Rekrutierung auch offen angesprochen. So wirbt der AWO-Kreisverband Jena-Weimar mit folgenden Argumenten für das Ehrenamt:

Nutzen Sie die Möglichkeit für sich, um

  • die Phase der Arbeitslosigkeit und Ihre Freizeit sinnvoll zu gestalten,
  • Kontakte zu sozial engagierten Menschen aufzubauen und zu pflegen,
  • Ihre vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen zu nutzen und zu erweitern,
  • Erfahrungen aus der ehrenamtlichen Arbeit für den Wiedereinstieg ins Berufsleben zu nutzen,
  • neue Tätigkeitsfelder für sich zu entdecken und Praxiserfahrung zu sammeln,
  • Spaß und Freude im Umgang mit anderen Menschen zu erfahren,
  • Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern zu knüpfen,
  • einen sinnvollen und angenehmen Ausgleich zu Arbeit und Alltag zu schaffen.

Wir bieten Ihnen:

  • kompetente Einarbeitung, Beratung und Begleitung,
  • Berücksichtigung Ihrer Vorstellungen und Kenntnisse,
  • regelmäßige Gespräche,
  • Erstattung von Fahrt-, Materialkosten,
  • Raum für Gestaltung, Ideen und Initiativen,
  • Haftpflicht– und Unfallversicherungsschutz,
  • Aus- und Weiterbildung im Ehrenamt,
  • ein positives Umfeld für Ihre Ideen,
  • Bescheinigung über ehrenamtliches Engagement.

Zur Quelle
(Ähnlich: Netzwerk Bürgerengagement Recklinghausen)

Was ist an diesen Gründen gemeinnützig? Nichts! Hier werden im Gegenteil sehr egoistische Motive angeführt, warum man ehrenamtlich arbeiten sollte und die Bedürftigen und sozial Schwachen verkommen bei diesen Begründungen eigentlich doch nur zu einem Therapieobjekt, und es stellt sich die Frage, ob sie nicht die eigentlichen Therapeuten sind, die (vielleicht von den Krankenkassen?) dafür honoriert/entlohnt werden müssen, dass sie den egoistischen Ehrenamtlern zur Therapie ihrer Psychosen (dem Helfersyndrom) als Heilmittel dienen.

Diese Argumentation erinnert mich an einen Film an eine Szene aus dem Film "Einer flog über das Kuckucksnest". Da sagte die fiese Oberschwester Mildred Ratched während einer Gruppensitzung: "Sie werden sich erinnern, Mr. Scanlon, wir haben oft darüber gesprochen: Die in Gesellschaft von Anderen verbrachte Zeit, ist eine äußerst gute Therapie. Die Zeit dagegen, die man allein vor sich hinbrütend verbringt, verstärkt nur das Gefühl, dass man ausgestoßen ist. Sie erinnern sich bestimmt daran." - Mr. Scanlon: "Wollen Sie damit sagen, es ist krankhaft, den Wunsch zu haben, allein zu sein?" aus: Einer flog über das Quckucksnest.

So ein Egoismus ist aber auch nicht verwerflich, sondern etwas ganz Natürliches, denn jeder Mensch hat ein eigensüchtiges Gehirn, das bei der Energierversorgung zuerst an sich denkt. Warum sollte das Gehirn nicht auch bei der Versorgung von emotionalen Bedürfnissen wie dem Wunsch nach Anerkennung, Kontakten und Geselligkeit eigensüchtig handeln und den Menschen zuerst an sich denken lassen? Muss ein solcher Egoismus aber staatlich gefördert werden?

Sind in diesem Sinne nicht die Armen und Schwachen die eigentlichen, aber billigen "Gesellschafter" für einsame Hausfrauen und gelangweilte Senioren, die nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen? Aktivitäten wie Museumsbesuche, Ausflüge, Kaffeeklatsch musizieren etc., die die Ehrenamtler auch unternehmen könnten, kosten schließlich Geld, was sie wohl nicht gerne ausgeben wollen. Gift für die Konjunktur sind die Akteure somit auch noch.

Allerdings befinden sich die meisten Ehrenamtler in einer höchst schizophrenen Lage: Politiker und Funktionäre umwerben die älteren Menschen als Ehrenamtler und vermitteln ihnen in diesem Zusammenhang ein Klosterfrau-Melissengeist-Gefühl: "Nie war ich so wertvoll wie heute!", mit dem sich durch die Gegend irren. Derweil sagt in der Realität jeder Personalchef zu einem älterem Mitarbeiter: "Bleib doch zu Hause, du alte Scheiße" und entlässt ihn zuerst oder stellt ihn aus Angst vor angeblich zu hohen Kosten gar nicht erst ein.

Müssten nicht daher Firmen, die (ältere) Mitarbeiter oftmals aus Kostengründen entlassen, nicht eventuell im Rahmen von Outplacementprogrammen eine Sonderabgabe an die Bundesagentur für Arbeit (oder Krankenkassen?) führen, damit diese den Arbeitslose hilft, die psychosozialen Folgen der Arbeitslosigkeit (besser) zu verarbeiten?

Generell sollten sich daher auch die Krankenkassen an den Kosten der Betreuung von Ehrenamtlern stärker finanziell beteiligen und mögliche Therapien bezahlen. Wenn ein Großteil der Moralmathematiker- wie immer auch - beschäftigt und mit sich selbst im Reinen wäre, dann hätten sie auch nicht so viel Zeit, und die Notwendigkeit, zu teuren Psychiatersitzungen zu gehen oder eine Unmenge teurer Psychopharmaka und anderer Anti-Depressiva zu schlucken. So helfen die Therapeuten/unsere Gesellschafter auch noch, die Kosten im Gesundheitssystem niedrig zu halten und bares Geld zu sparen.

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Und mit dem ganzen Tafelwesen hat sich mittlerweile eine perfekte soziale Form des Parasitismus entwickelt, von dem alle profitieren: Supermärkte können billig ihre Lebensmittel entsorgen, weil sie kostenlos abgeholt werden; zudem erhalten sie dafür noch Spendenquittungen und ein positives Image. Bedürftige brauchen sich nicht anstrengen und um Arbeit bemühen, weil sie ja wissen, da vesorgt sie ein Wirt mit billigem Essen und werden so ruhig gestellt, indem sie darauf verzichten, ihre Rechte einzufordern und die Gutmenschen und Ehrenamtler bekommen das Gefühl, gebraucht zu werden. Sozialverbände haben eine gute Legitimationsgrundlage, und der Staat spart Transferleistungen, indem er Grundrechte privatisiert und etwa auf die Tafeln verweist und so das ALG II nicht erhöhen oder etwa das Thema Grundsicherung diskutieren muss.

 

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